A-POC ist ein Gestaltungssystem, bei dem die Form der Kleidung bereits in die Herstellung des Textils eingebaut wird. Im bekannten Queen-Beispiel entstehen die Umrisse mehrerer Kleidungsstücke in einem zusammenhängenden textilen Schlauch. Es geht also nicht nur darum, irgendeinen Schlauch nachträglich als einfaches Kleid zu tragen.
Issey Miyake und Dai Fujiwara entwickelten damit einen anderen Zusammenhang von Stoff und fertigem Kleidungsstück. Der Name wird als A Piece of Cloth erklärt. Die überraschende Idee lautet: Das Textil ist nicht bloß neutrales Ausgangsmaterial, sondern enthält schon eine geplante Ordnung für die spätere Kleidung.
Die Kleidungsformen werden im Textil angelegt
Das MoMA beschreibt A-POC Queen Textile als einen kontinuierlichen Schlauch mit wiederholten, in das Material eingebauten Naht- und Formlinien. Diese lassen Kleidungsstücke erkennen, bevor die einzelnen Teile herausgelöst werden. Die Museumssammlung datiert ihr Queen-Textil auf 1997 und nennt Baumwolle, Nylon und Polyurethan als Materialien.
Du kannst dir den sichtbaren Zusammenhang wie mehrere Formen auf einer gemeinsamen Fläche vorstellen. Der entscheidende Unterschied zu einer üblichen Schnittzeichnung liegt aber im Materialaufbau: Die vorgesehenen Grenzen sind nicht nur mit einem Stift außen markiert. Sie gehören zur technischen Entwicklung dieses konkreten Textils.
Die Maschine führt einen vorbereiteten Entwurf aus
Das Miyake Design Studio erläutert die computerunterstützte Herstellung mit industriellen Strick- beziehungsweise Webmaschinen. Die technische Programmierung ist Teil der Formidee. „Von einer Maschine gemacht“ heißt hier deshalb nicht, dass keine Gestaltung stattfindet. Der Entwurf muss vielmehr so angelegt sein, dass Materialstruktur und spätere Kleidung zusammen entstehen können.
Im Alltag sehen wir oft erst das Endprodukt und denken nicht über seine Reihenfolge nach. Bei der Herstellung von High Heels führt ein anderer Weg von Bauteilen zum Schuh. A-POC macht gerade eine geänderte Reihenfolge interessant: Manche Entscheidungen über Kleidung werden vorverlagert, statt erst an getrennten Stoffstücken umgesetzt zu werden.
Queen zeigt eine besondere Form von Auswahl
Die Museumserklärung beschreibt, dass einzelne Kleidungsformen an den vorgesehenen Linien aus dem Schlauch entnommen werden können. Die verbleibende Struktur soll dabei erhalten bleiben. Das ist eine Eigenschaft des dokumentierten Systems, nicht eine allgemeine Fähigkeit jedes gestrickten Schlauchs oder jedes elastischen Stoffstücks aus dem Kleiderschrank.
Darum lässt sich die Idee nicht durch beliebiges Zuschneiden eines vorhandenen Kleids nachmachen. Die vorbereitete Konstruktion ist der Ausgangspunkt. Ohne sie besitzt ein anderer Stoff nicht automatisch dieselben Kanten oder Möglichkeiten. Für ein heutiges Produkt gelten seine eigenen Herstellerangaben, auch wenn seine Form auf einem Foto ähnlich schlicht wirkt.
Ein Museumsdatum gilt für das konkrete Objekt
Verschiedene Sammlungen können unterschiedliche A-POC-Objekte und Varianten bewahren. M+ nennt für sein Queen-Textil einen Entwurf von 1998 und eine Herstellung von 2003. Diese Angaben müssen nicht mit dem Datum des MoMA-Objekts identisch sein. Sie gehören jeweils zu dem Stück, das die betreffende Sammlung beschreibt.
Das hilft gegen eine vorschnelle Erfindungsgeschichte aus nur einer Jahreszahl. Entwurf, Entwicklung einer Reihe und Herstellung eines erhaltenen Exemplars sind unterscheidbare Ereignisse. Beim Betrachten interessiert daher zuerst die genaue Objektbezeichnung. A-POC ist eine übergreifende Idee; Queen bezeichnet ein konkreteres Beispiel innerhalb dieses Zusammenhangs.
Die Farbe erklärt die Konstruktion nicht
Ein rotes Queen-Textil fällt sofort ins Auge, doch Rot ist nicht der technische Kern des Systems. Dasselbe gilt für die Kombination mit Schuhen. Der Ratgeber zum roten Kleid und passenden Absatzschuhen behandelt die sichtbare Farbentscheidung. Die Herstellung der Kleidungsform bleibt davon getrennt und lässt sich nicht am Farbton ablesen.
Auch eine besonders reduzierte Silhouette kann aufwendig entwickelt sein. Beim Schuh zeigt der Schuhleisten als formgebendes Werkzeug, dass unsichtbare Vorarbeit die äußere Form mitbestimmt. Bei A-POC ist die Vorarbeit anders organisiert. Der Vergleich verdeutlicht nur diesen Gedanken, nicht eine gemeinsame Herstellungstechnik von Textil und High Heel.
Warum die Idee über ein ungewöhnliches Kleid hinausgeht
A-POC stellt die gewohnte Trennung zwischen Stoffentwicklung und Kleidungsentwicklung infrage. Für dich als Betrachterin oder Betrachter wird dadurch eine einfache Frage spannend: War die Form erst später hinzugefügt, oder wurde sie schon im Textil mitgedacht? Ein vertrautes Kleid kann damit plötzlich einen ganz anderen Herstellungsweg erzählen.
Die kurze Antwort lautet: Queen ist kein gewöhnlicher Schlauch, den man irgendwie anzieht. Er ist ein vorbereitetes textiles System mit angelegten Kleidungsformen. Das Besondere ist nicht nur der fertige Look mit Schuhen, sondern die bewusste Verbindung von Material, Maschinenprogrammierung und Entscheidung über die spätere Kleidung.