Nein. Haute Couture bedeutet nicht, dass jeder einzelne Stich ohne Maschine entsteht. An dokumentierten Entwürfen lässt sich vielmehr erkennen, wie Hand- und Maschinenarbeit innerhalb eines Kleidungsstücks zusammenkommen konnten. Die pauschale Vorstellung von vollständig reiner Handarbeit ist deshalb zu einfach. Interessanter ist die Frage, welche Technik für welchen Teil tatsächlich eingesetzt wurde.
Das Metropolitan Museum beschreibt dafür sehr unterschiedliche Chanel-Beispiele: ein Kleid aus dem Jahr 1922 und ein Hochzeitsensemble von Karl Lagerfeld aus dem Jahr 2014. Die Verbindung verschiedener Verfahren ist also nicht nur eine Behauptung über eine unsichtbare heutige Werkstatt.
Ein besticktes Kleid muss nicht ausschließlich Handstickerei zeigen
Beim Chanel-Kleid von 1922 sitzen rote, grüne und blaue Blüten auf braunem Seidengeorgette. Der Met-Beitrag erklärt, dass Karl Lagerfeld beim Betrachten der Rückseite Maschinenstickerei erkannte. Der sichtbare dekorative Eindruck allein hatte die Herstellung damit noch nicht eindeutig beschrieben.
Für deinen Blick sind Oberfläche und Verfahren zwei Fragen. Du kannst ein Motiv gelungen finden und trotzdem genauer wissen wollen, wie es ausgeführt wurde. Die Antwort wird nicht weniger interessant, nur weil sie statt einer einzigen Technik mehrere Arbeitsschritte umfasst.
Maschinen konnten in eine Stickereipraxis aufgenommen werden
Der Museumstext beschreibt die Zusammenarbeit mit Kitmir und erläutert, dass Chanel drei Stickmaschinen für die Fertigung kaufte. Eine zuvor handwerklich ausgeführte Arbeit wurde damit um ein Verfahren ergänzt, das effizienter eingesetzt werden konnte. Die Maschinen waren Teil dieser konkreten Herstellungsgeschichte.
Das ist etwas anderes als die Vorstellung, ein Entwurf entstehe automatisch, sobald eine Maschine vorhanden ist. Material, Motiv und die Position auf dem Kleid bleiben Entscheidungen. Das Werkzeug beantwortet zunächst, wie ein Teil der Arbeit ausgeführt wird, nicht weshalb gerade dieser Entwurf gewählt wurde.
Ein späteres Ensemble kombinierte Verfahren am selben Kleid
Beim Hochzeitsensemble von 2014 beschreibt das Met Scuba-Strickmaterial, das von Hand geformt, maschinell genäht und von Hand fertiggestellt wurde. Diese Schritte gehören zusammen. Ein einzelner Materialbereich kann nacheinander unterschiedliche Bearbeitungen erfahren.
Auch die Schleppe verband verschiedene Verfahren: goldfarbene Handbemalung, maschinell aufgebrachte Strassgestaltung und von Hand hinzugefügte Perlen beziehungsweise Schmucksteine. Die dekorierte Fläche hatte nicht nur eine einzige technische Herkunft. Ihr Gesamteindruck entstand aus der Verbindung der einzelnen Arbeiten.
Entwurf und Ausführung sind keine konkurrierenden Antworten
Wenn du nach der Herstellung fragst, kannst du zuerst den Entwurf und dann seine Umsetzung betrachten. Die Entscheidung für eine Linie ist nicht derselbe Schritt wie das Nähen dieser Linie. Ebenso kann eine gezeichnete Verzierung verschiedene Arten der späteren Ausführung zulassen.
Die Schuhfrage von der Skizze zum tragbaren Prototyp zeigt einen anderen Entwicklungsablauf. Beide Zusammenhänge werden verständlicher, wenn nicht alles unter dem allgemeinen Wort hergestellt verschwindet. Idee, Erprobung und konkrete Bearbeitung leisten unterschiedliche Beiträge.
Das ganze Kleid braucht eine differenzierte Beschreibung
Eine sinnvolle Erklärung könnte am Kleid zwischen Grundaufbau, Nähten und Dekoration unterscheiden. Damit musst du nicht mehr zwischen den beiden pauschalen Etiketten Hand oder Maschine wählen. Du kannst stattdessen den jeweiligen Schritt benennen.
Für Schuhe stellt die Herstellung von High Heels die beteiligten Teile und ihren Aufbau vor. Eine Maschine an einem Schritt beschreibt nicht sämtliche übrigen Arbeiten. Umgekehrt beweist ein manuell ausgeführtes Detail nicht, dass danach kein maschineller Schritt mehr vorkam.
Die Herstellungsweise beantwortet noch keine Qualitätsfrage
Ob handgemachte High Heels automatisch besser sind, ist eine eigene Frage nach dem fertigen Produkt. Hier ging es um die historische Annahme, Couture müsse vollständig maschinenfrei sein. Ein genauer Ablauf und ein Qualitätsurteil sollten nicht miteinander verwechselt werden.
Bei einem reich dekorierten Kleid lohnt zuletzt die Suche nach zwei Beschreibungen: Was ist das Motiv, und wie wurde es ausgeführt? Gerade wenn die Antworten unterschiedlich ausfallen, erfährst du mehr über den Entwurf als durch das vermeintlich eindeutige Wort Handarbeit.